Transit

Zur Ausstellung „Transit“ von Margarete Müller-Teschke im Studio der BKG vom 3. bis 31. August 2014
Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, Sie in eine Ausstellung hinein zu begleiten, deren Kunst unser Gemüt auf geruhsame Weise in Bewegung hält.

Das beginnt schon mit dem Titel „Transit“, den Margarete Müller-Teschke gewählt hat, um das Hinübergehen, den Wandel von einem Zustand zum anderen, die Übergänglichkeit unseres Daseins zum Ausdruck zu bringen, die sie uns in ihren Bildwerken vor Augen führt.
Zur Begrüßung erwartet uns die Serie „Aux frères de soleil / Den Brüdern der Sonne“. In leichten, wie verblasst wirkenden gelben, hellblauen und aprikosenfarbenen Tönen hat die Künstlerin Dreiecke, Rauten, unregelmäßige Vier- und Fünfecke verschoben. Die Arbeiten sind auf Quadrate aus korrodiertem Eisen gesetzt, tiefbraune Rostrahmen, die eine erdige und vergängliche Schwere um die zum Licht aufstrebenden Innenwelten legen, bei deren Betrachtung auch wir vielleicht zu Geschwistern der Sonne werden.

„Tore“ führen uns weiter in die Ausstellung:eingelassen zwischen gestaffelte Pfeiler und massive Quader, als seien sie die letzten aufrechten Ruinen einst strahlender Städte, längst versunkener Burgen und Tempel wie Mykene oder Tiahuanaco, deren Portale noch immer stehen, geschmückt mit Löwen und Jaguaren. Der Eindruck von Kostbarkeit entsteht durch die goldene Oberfläche der floralen und geometrischen Arabesken, die überlagert sind von feinen, weißen Schleiern, als wehe der Staub darüber hin, hinein in die Durchgänge, die sich in eine diffuse Helligkeit öffnen. 

Eine dreiteilige „Zeitreise“ lädt uns ein, auf einem Streifen von Sedimenten in einer Geschichte zu lesen, die sich in Ornamenten erklärt von Mikroben, Einzellern und Kopffüßlern hin zu Girlanden von Blumenund schließlich zu umrankten konstruktiven Gebilden. 

Die Kunst Margarete Müller-Teschkes hat viel Experimentelles und geht oft aus dem spontanen Umgang mit Assoziationen hervor wie ein Spiel oder französisch „Jeu“, ein Titel, der als Wort in die Komposition einbezogen wurde. Ineinander wuchern unter einer bronzierten Schicht feine Netze und grobe Gitter, besetzt mit Sternen und einem fingerförmig ausgebreiteten Gewächs.

In ähnlicher Farbigkeit wird ein „Kleines Märchen“ erzählt, beginnend mit der Majuskel eines altes Skripts, durch orientalisch anmutende Zelte hindurch bis zu einer von Blüten überzogenen Säule. Ob A und U für die Namen der Helden stehen? Für Undine und Aladin vielleicht? 

Entlang des Ganges gleiten wir von den sanften und zurückhaltenden Farbskalen in kräftigere Bereiche, die sich in mediterranen Stimmungen verbreiten. 

Margarete Müller-Teschke bietet uns viele Entdeckungen an, nicht nur im Nachempfinden von Stimmungen und im Mitdenken über thematische Bezüge, sondern auch bei der Beschäftigung mit ihren ästhetischen Konzepten. 

Ihre Werke sind Kombinationen von Collage und Malerei, deren Elemente zum Teil deutlich erkennbar sind, zum Teil geheimnisvoll ineinander übergehen. Auf die grundierte Leinwand bringt die Künstlerin Fundstücke auf: gerissene oder geschnittene Papiere und Pappen, Stücke von Geweben, Blätter, Blattgerüste und Stiele, die aus der ebenen Fläche ein Relief aufwachsen lassen. 

Dazu arbeitet Margarete Müller-Teschke gern mit Schablonen und Stempeln, die sie mehrfach verwendet und die ihren Arbeiten in der Wiederholung eine durchgehende Formensprache vermitteln, die sie malerisch aufnimmt: Buchstaben und Zeichen, architektonische Gliederungen und organische Bauformen. 

Wie bei dem „Zeitfenster“, aus dem Sie einen Ausschnitt als Einladung erhalten haben, und das auf fossile Ablagerungen verweistmit zahlreichen Einlassungen von Lebewesen früherer Erdenalter, die im An- und Abschwellen der Fluten hinabsanken: Algen, Korallen und Schwämme vielleicht, Ammoniten und Röhrenwürmer, Seeigel und Nautilusmuscheln.

Die Bildfläche ist unterteilt in Segmente wie um die Relikte in ihrem Kontext zu studieren. So begeben wir uns auf eine Erkundung zu einigen Ursprüngen unserer heutigen Welt, die aus einem unbekannten Alpha und Omega hervortreten. 

Eine kühle Röte, die sich einem speziellen Eisenpuder verdankt, überzieht in Abstufungen und Schlieren diese Landschaft, die von einer transparenten Firnis bedeckt ist, als sei alles in perlmutterne Substanz gebettet.

Diese rote Serie setzt sich unter anderem fort in der „Wirklichkeitsbefestigung“, ein Versuch, sich der tatsächlich vorhandenen Realität zu versichern, mit Baum und Haus und Alphabet, mit der Lebendigkeit der Natur, mit unseren Fähigkeiten zu bauen und zu sprechen, mit dem Wunsch, Schönes zu schaffen.

Eine ganze Reihe von Arbeiten ist dieser Orientierung gewidmet, etwa die „Alltagskoordinaten“, die sich in dem uns bekannten offenen Winkel verortet haben: der Keilschrift verwandte Glyphen, eine Lochkarte wie einst zum Programmieren und ein geschlossenes verziertes Tor.

Ähnliches und mehr ist im „Gedankentreibgut“ zusammengekommen, darunter ein Labyrinth, dessen strenge Komposition ebenso wie die Buchrückenstäbe am unteren Bildrand auf vorübergehende Ordnungen hinweisen könnten. Während „Vordergründig heiter“ eine von oben niederdrückende Szenerie offenbart, gegen die sich die Freiheit eines Strandes mit Muscheln kaum durchzusetzen vermag.

Den Oberflächen ihrer Werke verleiht die Künstlerin durch unterschiedliche Materialien, Strukturen und Farben eine abwechslungsreiche Plastizität. Dazu tragen die Abgüsse bei, die sie anfertigt und einbezieht, ebenso wie die Abdrücke von Gegenständen in den noch flexiblen Untergrund oder die Decollage, also die Entfernung vorher aufgeklebter Partien.

Die Arbeiten liegen dabei waagerecht und werden anschließend mit vielen dünnen Schichten wässerigen Acryls bestrichen, das mit zusätzlichen Pigmenten versetzt ist. Die physikalischen Verläufe und Veränderungsprozesse der Farbe leisten ihren Beitrag zur Gestaltung: Auf den erhabenen Regionen trocknen sie heller, manchmal, als sei dort nachträglich poliert worden, in den Vertiefungen erstarren sie dunkler. Je nach Sujet verbleibt die Oberfläche in ihrer grobkörnigen Offenporigkeit oder wird mit einer weiteren Lasur zu wächsernem Glanz versiegelt.

Auf etlichen Bildern stapeln sich Türme wie aus Holzklötzen, die von vielen Kinderhänden abgegriffen wurden. Sie liegen schief, geraten ins Rutschen, purzeln hinunter. Zum Beispiel bei der „Behausung D“, erkennbar an der großen geschmückten Initiale, deren siena-orangene Farbe sich vom blauen Grund abhebt und die als halbrunde Scheibe auf dem Dach noch einmal variiert ist.

Die Serie der „Behausungen“ zeigt – wie die vorhergehenden – isolierte Gebilde, die an die emblematischen Darstellungen auf Schilden und Wappen erinnern. 

Dies gilt auch für die grünen “Brücken“: Bemooste Platten oder kannelierte Fliesen mit reichen Dekorationen, in denen bisweilen Spuren edler Metallen aufscheinen, sind zu Übergängen gelegt. In einer zentralen Horizontalen ist eine Inschrift aus Symbolen angeordnet, an deren Tragfähigkeit man rätselt. 

Den Pfeiler einer anderen Brücke stützt eine Text-Passage aus dem Sonnengesang des Heiligen Franziskus von Assisi, in dem die Erscheinungen der Natur als dem Menschen Verwandte angesprochen werden. 

Mit den Exponaten an der hinteren Wand beschließen wir unseren ersten Rundgang durch die Ausstellung. Die „Landschaft literarisch“ nimmt uns mit in ein Legendengewölbe mit mysteriösen Signaturen, dessen graue Atmosphäre an manches Unheimliche gemahnen mag, das auch die zweite „Landschaft“ prägt. Wir wissen nicht, wo wir sind: ob in einer Kathedrale mit seltsam verschobenen Mauern oder vor der Silhouette einer surrealen Stadt, ob unter einer Fensterrose oder einem Kreuzesmond.

Wie ein archaischer Totempfahl vereint eine Stele sinnstiftenden Attribute. Wohin weist sie mit der tätowierten Hand? Vielleicht fordert sie uns auf, die Ausstellung noch einmal anders herum anzuschauen. 

Mit Margarete Müller-Teschke gehen wir durch Tore und über Brücken und brechen auf in das Reich der Phantasie, das die Künstlerin für uns bereitet, indem sie ihr Zufallendes wahrnimmt, Fragmente der Welt, Dinge des Alltags aufhebt und verwandelt. Ihre Lust an der Gestaltung ist unser Genuss in der Betrachtung.

©2014 Dr. Jutta Höfel

Transit - Katalog2