Projekt Rot

Transit

Wie eh und je ziehen die Nomaden – durchs Frühlicht, durch Finsternis. Erdteile wechseln sie, Blickrichtung und Kompasshaltung, nicht aber die Gewissheit ihrer Schritte.
Immer wieder Gedränge an den Brunnen – und unabsehbar bleibt die Querung der Wüstenwege. Wenn die Lichtpunkte am Nachthimmel sich bewegen, halten einige inne im Gehen, graben Zeichen in den Sand. Die – bald überweht – tiefer und tiefer sinken. Bleibend ruhen. Während die Zeichensetzer unbeirrt weiterwandern. Weiterritzen.Wohin sie gehen? Für wen die Markierungen?

Wir wissen nichts – wir Nomaden im Treibsand.
Leben aber gut. In der Wissensgesellschaft, Leistungsgesellschaft, ach ja – und auch in der Spaßgesellschaft. Wir sind global vernetzt, global im Bilde.

Im Bilde sein: Da weiß er Bescheid, denkt sich sein Teil, da kann er seine Entscheidungen treffen, der rastlose Zeitgenosse.
Doch all die Bilder – die aus dem 24-Stunden-TV flattern, vom Zeitschriftenregal, der Plakatwand, von Handy und Internet– die lassen kein Auge in Ruhe.
Keine Ruhe für überhaupt nichts.

Es sei denn… schemenhaft wie schwach entsonnener Traum taucht Erinnerung auf. Eine Farbe, ein Klang, die wortlose Kontur macht erneut Versunkenes spürbar:
Freude, Zweifel, eine verlorene Empfindung. Oder eine Reise ins Abenteuer. Und schon begegnen wir jemandem aus der Reihe der Zeichensetzer. Hier ist es Margarete Müller-Teschke.

Die Künstlerin enthebt uns mit sehr leichter Geste den Zwängen, dem Diktat der alltäglichen Bilderflut, bringt uns zum Innehalten. Gut ausatmen lässt es sich bei ihren Ansichten, so auf den ersten Blick.
Doch das ist keine Reha-Maßnahme, kein harmloses Wohlfühlbad, was sie uns aufzeigt.
Sie hat in der Wüste unserer vielen Geschichten gelebt, hat die Funde ihrer Grabung sehr verhalten vorgelegt, immer wieder aber Wegweiser aufgestellt, so dass wir ihren Spuren folgen können. Dabei wird deutlich, in wie weitem Bogen sie unterwegs geblieben ist bis auf den Tag. Ihre Entdeckungen vermitteln uns Zeichen einer eigenen Sprache; Formeln aus teils vertrauter, jedoch auch fremder, verstörender Welt.
Kunde gibt sie – Archäologin im Zwischenreich –vom prosaischen Unterwegssein wie vom Geheimnis des Fernwehs. Von der Sehnsucht nach dem Eigentlichen.

Wenn so auch immer wieder Quergestelltes auf den Wegen sichtbar wird, so bleibt doch – Heilkunde für unsere tränenden, überreizten Augen – insgeheim die tröstliche, zuversichtliche, manchmal durchaus heitere Atmosphäre ihrer Oasenbilder.

Nachrichten einer gelassen Reisenden.
Hat sie einen Ort entdeckt, an dem ihre Sensoren anschlagen, bewegt sie sich kreisend. Sammelt und sichtet, stellt die Widersprüche ins Licht, tauscht die Perspektive.
So entstehen ihre Reihungen, die Namen tragen wie ‚Schutzzeichen – Glücks- Zeichen’, ‚Morgenland – Abendland’, ‚Flora und Fauna’.

Nach zahlreichen anderen Gruppierungen signalisiert sie in ihrer letzten Sammlung unter der Losung ’Nachgedacht – Vorgedacht’ strengere Töne. Mit den Titeln ‚No Lyrics’ – ‚Unsere Fragen’ – ‚Nach uns die Zukunft’ etwa weist sie mit Nachdruck in Farbe und Form auf Schnittpunkte oder Schwachstellen hin, die keine Nachsicht erwarten können.
Nicht zu übergehen der Appell ‚Time is now’. Er verlangt Entscheidung. Wir sind gemeint!

Und so begegnen wir Margarete Müller-Teschke als unentwegte, stille Mahnerin auf neuen, steinigen Wegen. Im Gepäck Mut und ein langer Atem.

Ruth Schmid-Heinisch